Geschichte der Michaeliskirche

Die Michaeliskirche geht auf die Stiftung einiger reicher Erfurter Familien im Jahre 1183 zurück. Reste dieser ersten frühromanischen Kirche sind im Untergeschoss des Turmes nachweisbar.

Der heutige Baukörper entstand als gotische Saalkirche mit hölzerner Spitztonne zwischen 1278 und 1290. Ihre Widmung für den Erzengel St.Michael, den Bezwinger des Satans und Glaubens-verteidiger, könnte im Zusammenhang mit der Lage der Kirche an der Nordflanke des mittelalterlichen jüdischen Siedlungsgebietes stehen. Die Michaeliskirche ist ein Gotteshaus der zunächst 24 Pfarrsprengel der Pfarreireform von 1148. Ihre Gemeinde war selten größer als 100 Seelen. Die hölzerne Wölbung des Kirchenraums ist in Erfurt mehrfach zu finden. Auffällig ist die Ähnlichkeit mit der nur 200 m entfernten alten Synagoge. Seit dem Barock war diese Tonne mit bemalter Leinewand bekleidet, die nach Bauschäden des II.Weltkrieges entfernt wurde. Die heute noch sichtbare umlaufende gemalte Kante ist ein Rest dieses Schmuckes.

Mit der Gründung der Erfurter Universität (1392) wurde die Michaeliskirche nicht nur von der Gemeinde, sondern auch von der philosophischen Fakultät der Universität genutzt und 1418 für die Fülle der Nutzer um ein Seitenschiff samt zweigeschossigen Emporen erweitert.

Der Dekan der philosophischen Fakultät Johann Bonemilch v.Lasphe (auch Rektor 1485 und 1495) stiftete 1500, als er Weihbischof am Dom wurde, eine Kapelle am Turm der Michaeliskirche, die Dreifaltigkeitskapelle. Diese mit schönem Erker, dort beachtliche Sichelmadonna. Durch die Dreifaltigkeitskapelle entstand auch das Michaeliskirchhöfchen, heute beliebter Ort für Veranstaltungen der kleinen Form.

1652 erfolgte der Einbau einer Orgel von Ludwig Compenius, die nach langen Jahren des Verfalls durch eine großherzige Einzelspende 1998 restauriert werden konnte. Der entzückende Orgelprospekt mit Rückpositiv gehört zu den Kostbarkeiten der Stadt.

Die Kirche hat in der Neuzeit mehrere grundlegende Renovierungen erfahren, so 1819/20 im neugotischen Stil. 1928 wurde die neugotische Ausstattung zurückgebaut, ebenso die südl.Seitenemporen und die obere Westempore, auch entstand der Funktionsanbau auf der Westseite der Kirche, der Nordeingang wurde damit zum Haupteingang der Michaeliskirche. 1958-1960 und 1993-1995 folgten erneute Sanierungen und Neugestaltungen der Ausstattung. So wurde der Spätrenaissance-Epitaph des Ratsmeister Heinrich Ilgen von 1632 aus der Predigerkirche als Altar in die Michaeliskirche umgewidmet. Altar und gegenüberliegende Orgel bilden eine selten schöne gestalterische Einheit. Die zwei modernen Maßfenster der Südwand entstammen einer privaten Stiftung von 2004. Im Turm hängt mit der „Katharina“-Glocke von 1380 die älteste Glocke Erfurts. Das Michaelishöfchen flankieren u.a. einige schöne Biedermeier-Grabsteine.

Die Michaeliskirche hat in Erfurt Kirchengeschichte geschrieben. 1522 predigte Luther in der Kirche, 1523 wurde hier das erste Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) ausgeteilt, 1523 erfolgte die erste kirchliche Trauung eines Priesters. Erfurts Reformator und Freund Luthers Johannes Lang war ab 1530 Pfarrer an St.Michaelis und ist auch hier begraben. 1986 und 1988 war die Kirche Ort von Ausstellungen der offenen Arbeit der Evangelischen Kirche, mit denen in Erfurt die Friedliche Revolution von 1989/90 vorbereitet wurde.

Prof. Dr. Hermann H. Saitz